„Wohnungsgenossenschaften wirken eher im Stillen“

Gastbeitrag von FLÜWO-Vorstand Rainer Böttcher zum Raiffeisen-Jahr 2018

Einerseits müssen sie Marktpreise bezahlen - für Grundstücke, Bauleistungen und Personal – andererseits erwarten ihre Mitglieder günstige Mieten. Wohnungsgenossenschaften stehen vor großen Herausforderungen, sagt Rainer Böttcher, Vorstand  der FLÜWO Bauen Wohnen eG im Gastbeitrag.

Der Beitrag von Wohnungsgenossenschaften für eine sozial ausgewogene Wohnraum-versorgung wird gemeinhin unterschätzt. Dies liegt zum einen daran, dass Wohnungs-genossenschaften nicht zu den Unternehmen gehören, die mit ihrer Leistung hausieren gehen, sondern oftmals eher an ihrem Standort als lokal verorteter Akteur im Stillen wirken.

Werterhaltung steht im Vordergrund

Zum anderen hängt es wahrscheinlich auch damit zusammen, dass Wohnungs-genossenschaften in ihrer Geschäftspolitik eher an der Werterhaltung als an einer Wertsteigerung orientiert sind. So haben viele Wohnungsgenossenschaften in den zurückliegenden Jahren ihren Wohnungs-bestand auf Vordermann gebracht und weniger in Neubauvorhaben investiert.

Vielleicht mag auch die die heterogene und oftmals kleinteilige Unternehmensstruktur eine Rolle spielen.

Allen Wohnungsgenossenschaften ist jedoch zu eigen, dass sie sich im Spannungsfeld zwischen wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten auf den Beschaffungsmärkten und einer sozial ausgerichteten Erwartung auf ihrem Absatzmarkt bewegen. Oder anders formuliert besteht das wohnungsgenossenschaftliche Dilemma darin, dass sie für Grundstücke, Bauleistungen, Personal und Verwaltungsleistungen Marktpreise zu entrichten haben. Jedoch andererseits von ihren Mitgliedern, vom kommunalen Umfeld und von der Gesellschaft allgemein eine Miete erwartet wird, die unterhalb der Marktüblichkeit liegt.

Rollenkonflikt für Mieter von Genossenschaften

Dies zeigt sich auch im Rollenkonflikt, dem jedes Mitglied ausgesetzt ist. Denn in erster Linie sieht sich das Mitglied als Mieter mit einer niedrigen Mietpreiserwartung und weniger als Anteilseigner mit einem positiven Interesse am wirtschaftlichen Fortgang seiner Genossenschaft.

So wirken sich die im Genossenschaftsrecht verankerten Mitbestimmungsmöglichkeiten in Summe sicherlich eher mietpreisdämpfend aus, dürften aber dabei keinen negativen Einfluss auf die erwartete Wohnqualität haben. Die größte Leistung von Wohnungsgenossenschaften ist für mich daher die Moderation dieses Rollenkonfliktes. Denn nur so ist es möglich, dass Wohnungsgenossenschaften als maßgebliche Akteure in der sozial orientierten Wohnraumversorgung auch wirtschaftlich erfolgreich sein können.


Dieser Artikel erschien auf der Webseite zum Raiffeisen-Jahr 2018 und im Magazin "gemeinsam".
https://raiffeisen2018.de/starke-idee/wohnen/gastbeitrag-rainer-boettcher